Wovon wir träumten, Julie Otsuka

Wovon wir traeumten von Julie OtsukaUnd raus mit der nächsten – jetzt geht es Schlag auf Schlag hier…

Der Tipp einer ehemaligen Kollegin hatte mich damals zu dem Buch greifen lassen. Außerdem: Frauenschicksale, historischer Stoff, mal etwas exotischer, nämlich japanisch-amerikanische Geschichte – das alles klang vielversprechend. Und natürlich das wunderbare Kirschblütencover, der Einband aus hochwertigem „Holmen Book Cream – Papier“ (kein Witz, aber fühlt sich toll an). Auf dem Cover prangt ein Zitat von Christine Westermann: „Berührt das Herz“. Nun ja, da ging es mir leider anders.

Darum geht’s:

Kurz gesagt, um das Schicksal zahlreicher junger Japanerinnen, die sich zwischen den Weltkriegen auf dem beschwerlichen Seeweg in Richtung USA aufmachen. Dort erhoffen sie sich ein besseres Leben, eine verheißungsvolle Zukunft, an der Seite eines stattlichen, wohlsituierten Mannes. Dass die Heiratsvermittler den Frauen das Blaue vom Himmel versprochen haben und die Realität ganz anders aussieht, ahnen sie zunächst nicht…

Fabelhaftes:

Die Ausgangssituation macht neugierig, man möchte wissen, wie es den Frauen ergehen wird und was sie in den USA erwartet. Wie man schon ahnt ist das in den meisten Fällen nichts wirklich Gutes und sie fristen fortan ein Dasein als faktische Arbeitssklavinnen unter teils schockierenden Umständen. Dennoch sind nicht alle Schicksale düster und grau gezeichnet, es gibt auch Damen, die Glück und Zufriedenheit finden oder die sich zumindest mit den Umständen arrangieren können. Ein wenig Hoffnung und Farbe steckt also selbst in diesem dunklen Kapitel der Geschichte. Es war sehr interessant zu erfahren, wie unterschiedlich diese Schicksale sein konnten und wie sehr sich die Leben der Frauen unterschieden, je nachdem ob sie einen reichen oder armen, einen liebevollen, gleichgültigen oder gar brutalen Mann abbekommen haben, in welche Gegend sie gezogen sind oder in welchen Berufen sie – meistens unfreiwillig – tätig werden mussten. Im Grunde herrscht in der neuen Heimat dieselbe willkürliche Ungleichheit, der sie entflohen sind, dieselben Zwänge durch äußere Umstände, an denen sie schon in Japan nicht viel ändern konnten. „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“ ist jedenfalls nicht gerade der Gedanke, der hinter den einzelnen Biographien steht. Das zieht sich durch bis zum Ende mit der (Achtung: Spoiler) Internierung der japanischen Bevölkerung in Lagern während des Zweiten Weltkriegs. (Spoiler Ende) Ein historisches Kapitel, zu dem ich bis dato noch sehr wenig gehört geschweige denn gelesen habe. Die Lektüre hat mein Wissen über dieses Thema allerdings nicht wesentlich vertieft, womit ich direkt zum nächsten Punkt komme…

Weniger Fabelhaftes:

Sehr gestört hat mich der Schreibstil, der auf den rund 150 Seiten konsequent durchgehalten wird. Es werden nur selten Namen genannt, sondern vor allem Schicksale an Schicksale gereiht. Jeweils nur kurze Schlaglichter werden auf gesichtslose Frauen geworfen, die vielfach mit „eine“ betitelt sind oder gar im „wir“ untergehen. Im Grunde ist das Buch nicht mehr als eine gigantische Aufzählung, die, so ging es zumindest mir, irgendwann nur noch langatmig wirkte und schwer zu lesen ist:

Eine von uns machte den Fehler, sich in ihn zu verlieben, und sie denkt noch immer Tag und Nacht an ihn. Eine von uns gestand alles ihrem Mann, der sie mit einem Besenstiehl verprügelte und sich anschließend hinlegte und weinte. Eine von uns gestand alles ihrem Mann, der die Scheidung einreichte und sie zurück zu ihren Eltern nach Japan schickte, wo sie jetzt täglich zehn Stunden in einer Seidenspinnerei in Nagano arbeitet. Eine von uns gestand alles ihrem Mann, der ihr verzieh und anschließend ein paar eigene Fehltritte gestand.“ (S. 61/62)

Auf der einen Seite wird so deutlich gemacht, wie groß die Zahl der Betroffenen dieses fast vergessenen Kapitels amerikanischer Geschichte war. Auf der anderen Seite entsteht aber eine emotionale Distanz zu den Geschehnissen und Opfern, die wie mit einer großen Gießkanne über dem Leser ausgekübelt werden. Echte Empathie zu entwickeln ist da nicht ganz einfach.

Summa Summarum:

Interessantes historisches „Nischenthema“, stilistisch unglücklich aufgearbeitet. Das hat mich so sehr gestört, dass es leider nur für zwei Koalas reicht.

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Verlag: Goldmann * TB * März 2014 * 160 Seiten * 978-3-442-47968-9

Föhn mich nicht zu, Stephan Serin

Föhn mich nicht zu, Stephan SerinUiuiuiui…es wird definitiv Zeit, die angesammelten Rezis vom Stapel zu lassen. Ich mache heute mal den Anfang mit einer, die schon sehr lange auf meinem Rechner geparkt wartet:

Schon seit Jahren sind sie aus dem Humorregal nicht mehr wegzudenken, die „Kriegsreporte“ von Lehrern an deutschen Problemschulen. Gespickt mit Anekdoten über verblödete Schüler, die keinen korrekten deutschen Satz mehr herausbekommen und Schiller für eine deutsche Popband halten. Die ihren Lehrern mit mangelndem Respekt das Berufsleben noch mehr zur Hölle machen, als es unsolidarische Kollegen und überengagierte Eltern sowieso schon tun. Ob man darüber nun lachen oder doch eher weinen sollte? Bastian Bielendorfer, Frau Freitag, Fack ju Göte und jetzt auch noch Stephan Serin. Lohnt sich das?

Darum geht’s:

Stephan Serin beschreibt hier in kurzen Kapiteln und mit vielen Grafiken anschaulich aufgepeppt seine Zeit als Referendar für Französisch und Geschichte an der Werner-Heisenberg-Schule in Berlin-Mitte. Vom „freundlich“ formulierten Zulassungsbescheid bis zum letzten Tag, an dem die Schüler den Klassenraum verlassen, als wäre nix gewesen, spannt er seinen Handlungsbogen. Dabei macht Serin schnell klar, dass die chaotischen Schüler oft noch das geringste Problem im deutschen „Ref“ darstellen: Wenig hilfreiche Lehrerkollegen, kleinkarierte Seminarleiter, antiquierte und praxisferne Ausbildungspläne, eine Arbeitsflut, unter der jede Beziehung nur leiden kann und, natürlich, die vielgescholtenen Eltern tragen dazu bei, dass Serin das Referendariat in seinem Glossar mit den Synonymen „Hölle“ und „schlimmste Zeit meines Lebens“ etikettiert.

Fabelhaftes:

Trotz der drückenden Probleme malt Serin seine Zeit an der Schule nicht nur in schwarzen Farben und berichtet beinahe liebevoll über die „Macken“ seiner Problemschüler, die er dennoch aus vielerlei Gründen ins Herz geschlossen hat und für die er seinen Beruf weiterhin verfolgen möchte. Er selbst sieht sich nicht ohne Fehl und Tadel, noch handelt und denkt er stets politisch korrekt. Erfrischend ehrlich gesteht er, warum ihm zu gute Schüler insgeheim eigentlich verhasst sind, und zeigt, wie man sich, mal mehr, mal weniger erfolgreich, mit den größten Schulchaoten verbünden muss, um dem täglichen Wahnsinn im Klassenzimmer wenigstens in Teilen Herr zu werden. Die einzelnen Kapitel sind angenehm kurz und schnell zu lesen. Sie beschäftigen sich mit allen wesentlichen Facetten einer Referendarzeit bis hinein ins Privatleben und runden das Gesamtbild des Kosmos Schule wunderbar ab.

Weniger Fabelhaftes:

Betrachtet man die Aufmachung des Buches mit den karikaturenhaften Bildern und markigen Kapitelüberschriften, so hatte ich deutlich mehr Witz erwartet. Im Kern ist das Thema doch eher ernst und mit viel Zynismus aufgearbeitet. Für mich klingt es fast so, als hätte sich Stephan Serin hier seine Referendarzeit mal so richtig von der Seele geschrieben. Das kann man natürlich machen und ist ja an sich nicht verkehrt, zumal im System Schule und ganz besonders in der Lehrerausbildung bekanntermaßen so einiges im Argen liegt, das nach Verbesserung schreit. So richtig in allen Facetten nachvollziehbar wird die Lektüre aber wohl nur für Kollegen oder Beinahe-Kollegen wie mich sein, die mit der grauen Theorie einigermaßen vertraut sind und beispielsweise schon einmal einen Unterrichtsentwurf nach den gestrengen und teilweise absurd anmutenden Regeln der Kunst verfassen mussten 😀 Das Zielpublikum sind also eher Leidensgenossen im Lehrerberuf oder solche, die es werden wollen…

Summa summarum:

Kurzweilige Abrechnung mit den Missständen an deutschen Schulen, im etwas unpassenden Gewand eines Taschenbüchleins aus der Humorecke.

Wem’s gefällt, der kann sich gleich auch noch den Nachfolgetitel bestellen: „Musstu wissen, weißdu? Neues aus den Niederungen deutscher Klassenzimmer“ Übrigens arbeitet der Autor tatsächlich immer noch als Lehrer…er hat also erfolgreich überlebt 😉

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Verlag: Rowohlt * TB * September 2010 * 255 Seiten * 978-3-499-62670-8

Kino: Star Wars – Das Erwachen der Macht

In Zeiten, wo es zu jedem halbwegs erfolgreichen Film mindestens zwei Fortsetzungen gibt, da fragt man sich schon, warum das bloß so ewig gedauert hat. 1977 kam der „Krieg der Sterne“ erstmals in die Kinos. Rund zwei Jahrzehnte später habe ich die Originaltrilogie als Jugendliche für mich entdeckt – der Beginn einer bis heute andauernden Leidenschaft. Diese erlebte mit den Prequels Episode I-III, die zwischen 1999 und 2005 auf der großen Leinwand zu sehen waren, einen Tiefpunkt. Schlechte Darsteller, unterirdische Dialoge, deutlich computergenerierte Optik, langweilige Story (ja, man wusste schließlich genau, was passieren wird…), alberner Liebeskitsch und natürlich Jar Jar Binks. Das konnte auch Ewan McGregor nicht retten. Entsprechend groß war die Skepsis, als Disney 2012 eine Fortsetzung der Originaltrilogie ankündigte.

Ins Kino mussten wir trotzdem unbedingt, das stand von vorneherein fest. Und das obwohl im Vorfeld schon mit der Vorstellung aufgeräumt wurde, der Film könne sich an den zahlreichen Buchfortsetzungen orientiert haben. Sehr traurig war ich ja, als klar wurde, dass es nie zu einer Verfilmung des Stoffes aus der sogenannten Thrawn-Trilogie kommen würde, aber das wäre auch kaum möglich gewesen: Die Ereignisse in „Erben des Imperiums“ setzen fünf Jahre nach Episode VI ein, und das lässt sich mit inzwischen um fast vierzig Jahre gealterten Darstellern nicht glaubhaft vermitteln. Mensch, George, warum hast du nicht früher darüber nachgedacht statt uns mit Episode I-III zu langweilen…

Disney setzt folgerichtig mit Episode VII – Das Erwachen der Macht, ganze 30 Jahre nach der Schlacht von Endor ein. Die Galaxis ist noch lange nicht befriedet und die Überreste des Imperiums setzen der Neuen Republik in Form der sogenannten „Ersten Ordnung“ zu. Zu Beginn des Films sind sowohl die Erste Ordnung inklusive des abtrünnigen Jedi Kylo Ren (Sohn von Han Solo und Leia Organa) als auch der „Widerstand“ unter der Führung von Leia Organa auf der Suche nach einer Karte, die den Aufenthaltsort von Luke Skywalker verraten soll. Dieser hatte sich aus Enttäuschung über das Scheitern der Ausbildung seines Neffen ins Exil zurückgezogen. Die wichtige Information gerät durch Zufall der Schrotthändlerin Rey in die Hände. Gemeinsam mit dem desertierten Sturmtruppler Finn gerät sie zwischen die Fronten…

Generell muss ich mit meiner Kritik dem Grundtenor zahlreicher Rezensionen zum Film beipflichten. Als Negativpunkt wird immer wieder die fehlende Originalität der Story bemängelt. Und tatsächlich: Die Parallelen zu Episode IV sind definitiv nicht von der Hand zu weisen. Ein Droide auf der Flucht mit geheimen Informationen, auf einem Wüstenplaneten von einem jungen Menschen zufällig aufgegabelt, der dadurch mitten in einen intergalaktischen Konflikt geschleudert wird…Das gipfelt in Todesstern 3.0. als einfach noch ein bisschen größerer Superwaffe…Bleibt zu hoffen, dass die Fortsetzungen mit etwas mehr Ideenreichtum aufwarten können.

Trotzdem hat mich das insgesamt nur wenig gestört. Dann schon eher der teilweise in Slapstick ausartende Humor, den ich manchmal etwas fehl am Platz fand.

Auf der Plusseite gibt es jedoch einiges mehr zu vermelden. Allem voran die Optik. Nach der erschlagenden Computertechnik von Episode I-III sieht der Film endlich wieder so ECHT aus. Das ist mir schon nach wenigen Sekunden aufgefallen. Ja, man sieht definitiv den Unterschied, wenn Kulissen und z.B. Roboter nicht animiert sondern liebevoll gefertigt sind. Sofort spürte man den Charme des Originals zurückkehren, einfach wunderbar.

Dann die Darsteller: Während sich die alte Riege im Film mit erstaunlich viel Würde verabschieden darf – bedenkt man die unschönen Lebenswege einiger der Hauptdarsteller nach ihrem großen Erfolg – wird Platz für neue, bislang unbekannte Talente geschaffen. Am Besten hat mir Daisy Ridley als „Rey“ gefallen. Damit bekommt Star Wars endlich mal eine richtig (ausdrucks)starke (sorry, Leia…), weibliche Hauptfigur. Und der kleine BB-8 ist doch einfach nur goldig 🙂 Auf der „dunklen“ Seite bin ich noch nicht so überzeugt von den neuen Charakteren, aber wenn Adam Driver noch eine Schippe drauflegt in den kommenden Filmen, dann ist er definitiv um Längen besser als Hayden Christensen. Immerhin hat er mich am Ende doch ziemlich überrumpelt 😉

Die Handlung ist rasant und man klebt gebannt an der Kinoleinwand. Es gibt ein Lichtschwertduell der Extraklasse in traumhafter Kulisse, ein bisschen Zerrissenheit im Angesicht der dunklen Seite der Macht, Psychospielchen, mysteriöse erwachende Jedikräfte, viel gute Action, einige offene Fragen und Randfiguren mit Potential sowie einen ziemlich traurigen Schockmoment.

Zusammenfassend hat der Film meine recht niedrigen Erwartungen mehr als übertroffen. Es hatte sogar den Anschein, als könnten die beiden Folgefilme noch viel besser werden. Ich kann 2017 jedenfalls kaum noch erwarten 🙂 Daumen hoch, J. J. Abrams.

Und schon wieder ein Jahr um…

WP_20150605_14_40_34_ProHallo treue Leserschaft,
wieder ist ein Jahr um und ich hoffe, ihr alle habt einen guten Start in 2016 hingelegt!

Ich war dieses Jahr eine wahrlich untreue Tomate, was den Blog angeht. Aber das habe ich schon kommen sehen 🙂 Wie sehr das Leben mit Baby vereinnahmt, das hätte ich mir vorher allerdings niemals vorstellen können. Ein kleiner Mensch verändert so ziemlich alles, und das Wort „Freizeit“ war über Monate hinweg fast gänzlich aus meinem Wortschatz verschwunden. Dennoch war es das wohl wundersamste Jahr meines Lebens und das Glück ist ein täglicher, greifbarer Begleiter geworden. Ganz langsam findet sich auch wieder Zeit für den ganzen „Rest“, und so habe ich mich entschieden, diesen Blog noch nicht ganz aufzugeben und mal zu schauen, was 2016 so mit sich bringt.

Statistiken zum vergangenen Jahr machen wohl an dieser Stelle wenig Sinn – sie würden durch die Bank weg mager ausfallen.

Gerne möchte ich in den kommenden Tagen über meinen Kinobesuch in „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ berichten, eine Rezension zum Klassiker „Thrawn-Trilogie“ verfassen und endlich einmal mit dem Buch weiterkommen, das bereits seit Sommer in der „Ich lese gerade…“-Warteschleife hängt. Gute Vorsätze sind also immerhin da. 😀

An dieser Stelle bedanke ich mich ganz herzlich bei den Leuten, die trotz der geringen Beitragsdichte immer wieder mal vorbeischauen! Ich lese durchaus noch den einen oder anderen Blogartikel zwischendurch und hoffe, bald selbst wieder etwas mehr Lesefutter beitragen zu können.

Lieben Gruß

Eure Aliénor

 

Eine kurze Geschichte der Zukunft, Stephen Clarke

Das kennen sicher einige unter euch: Manchmal hat man nicht wirklich viel Lust, etwas zum gerade Gelesenen zu schreiben und es fällt einem auch nicht wirklich viel dazu ein. Trotzdem wage ich den Versuch. Vor einigen Jahren habe ich Clarkes Satire „Ein Engländer in Paris“ (Erstveröffentlichung 1985), das ich anlässlich meines Auslandsaufenthalts in Frankreich geschenkt bekommen hatte, mit einem dicken Schmunzeln gelesen. „Eine kurze Geschichte der Zukunft hat er vor diesem Durchbruch geschrieben und es damals im Selbstverlag herausbringen müssen, da es niemand drucken wollte. Nach der Lektüre muss ich sagen, dass ich das nicht so ganz überraschend finde.

Darum geht’s:

Richie betreibt mit seinem windigen, aber charmanten Bruder Martin einen kleinen Computerspielladen, der eigentlich mehr als Tarnung für Martins Hackerdienste gedacht ist. Seine Frau Clara hält nicht viel von Martin, denn der zieht seinen kleinen Bruder immer wieder mit verkorksten und riskanten Schnapsideen tief in den Schlammassel. Nebenbei versucht sich Richie bislang eher erfolglos als Schriftsteller (na, wenn das mal nicht autobiographisch gefärbt ist) und bastelt als bekennender Science Fiction Fan an einem Roman über Star Trek und seine Impulse für die Technik der Gegenwart und Zukunft. Da stolpert ausgerechnet er in einem New Yorker Laden über einen echten Teleporter und bringt ihn mit heim ins Vereinigte Königreich. Auch vor Martin lässt sich das aufregende Gerät natürlich nicht lange geheim halten und eine Kette komisch-dramatischer Ereignisse verselbstständigt sich, die neben einer Gruppe amerikanischer Wissenschaftler auch die britische Premierministerin, den amerikanischen Präsidenten und einen zwielichtigen Drogenhändler samt Esel involvieren…

Fabelhaftes:

Also, die Grundidee fand ich – ebenfalls bekennender Star Trek Fan – eigentlich ganz originell. So lange man nicht nach Erklärungen sucht, wie ein echter Teleporter seinen Weg in einen ganz normalen Laden findet und warum diese Sensation insgesamt später nicht noch viel größere Furore auslöst (ersteres wird später beantwortet, aber so richtig verstanden habe ich die Erklärung nicht).

Die vielen Anspielungen auf Star Trek und die restliche Science Fiction Welt habe ich gerne gelesen und auch ein paar interessante Dinge über den tatsächlichen Einfluss von Science Fiction auf die Forschung waren faszinierend – das hätte ruhig noch etwas mehr sein dürfen. Aber natürlich war das Buch in erster Linie ja als Satire gedacht.

Weniger Fabelhaftes:

Tja, Satire: So richtig lachen konnte ich selten – dabei wollte ich zur Abwechslung mal bewusst etwas richtig Witziges lesen. Dafür ist der Plot jedoch immer wieder zu sehr ins Absurde abgeglitten, einiges ging unter die Gürtellinie, viele Passagen zogen sich endlos dahin und die Handlungsstränge liefen wirr durcheinander. Nicht immer war klar, wohin die Reise eigentlich gehen sollte. Ein paar vereinzelte Gags konnten zünden und es gab sicher komische Momente und Situationen, doch das trug nicht über die deutlichen Längen hinweg. Gerade die schrägen Charaktere, die offenbar für den Witz zuständig sein sollten, wie der chaotische Martin oder der cholerische Drogenhändler mit seiner Vorliebe für Esel enthüllten im Laufe der Zeit eine tragische Seite, die für mich nicht so recht zum Tenor gepasst hat. Tatsächlich kann man den Humor insgesamt als sehr britisch beschreiben, jedoch hat der Autor den Fehler gemacht, diesen viel zu dünn gesät in einem langwierigen Plot untergehen zu lassen. „Ein Engländer in Paris“ war humortechnisch außerdem weitaus feinsinniger.

Summa summarum:

Stephen Clarkes Frühwerk wusste mich leider nicht zu überzeugen: Eine Prise britischer Brachialhumor und ein paar kreative Ansätze machen leider noch keinen Lesespaß aus, so lange man diese nicht gut und knackig in einem stimmigen Plot verpacken kann. Ich vergebe drei Koalas, hauptsächlich wegen der guten Ideen.

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Verlag: Piper * TB * Januar 2011 * 361 Seiten * 978-3-492-25959-0

Zeit aus den Fugen, Philip K. Dick

knvmmdb.dllPhilip K. Dick ( † 1982) ist definitiv ein Klassiker unter den US-amerikanischen Science Fiction – Autoren. Selbst wenn man den Namen noch nie gehört haben sollte, wird er einem mit großer Wahrscheinlichkeit bereits begegnet sein: Dick lieferte Vorlagen und Ideen für Filme wie Blade Runner, Matrix, Total Recall oder Minority Report. Seine Werke sind häufig geprägt von bedrückenden, manchmal bizarren (Zukunfts)Szenarien und von der Frage nach Wahrheit und Realität. Nach „Das Orakel vom Berge“ (alte Rezi folgt die Tage) wollte ich unbedingt noch einmal etwas von diesem ideenreichen Autor lesen.

Darum geht’s:

Vorweg: Der Roman ist zwar keine offizielle Vorlage für den Film „Die Truman Show“ mit Jim Carrey gewesen, dennoch sind zahlreiche Parallelen unverkennbar und es würde mich nicht wundern, wenn sich Drehbuchautor Andrew Niccol hier Inspiration geholt hat.

Ragle Gumm, der Protagonist, lebt in einer gemächlichen Kleinstadt, im Amerika der 50er Jahre. Seinen Lebensunterhalt verdient er über ein merkwürdiges Hobby: Täglich nimmt Ragle an einem Wettbewerb der Lokalzeitung teil, bei dem es darum geht, Positionen in einem Raster vorherzusehen und das „grüne Männchen“ zu finden. Seine Intuition und sein Gespür lassen ihn dabei schon seit Jahren nicht im Stich, auch wenn er immer mehr fürchtet, eines Tages zu verlieren und damit seine Existenzgrundlage zu zerstören. Er lebt bei seiner Schwester Margo und deren Mann Victor, mit denen er sich im Großen und Ganzen gut versteht. Neben dem Wettbewerb, der einen Großteil seiner Zeit und Konzentration in Anspruch nimmt, pflegt er eine Liaison mit der jungen und naiven Nachbarin Junie, deren Mann Bill einer von diesen aalglatten Karrieremenschen ist.

Tatsächlich ist die Kleinstadtidylle höchstens auf den allerersten Blick intakt. Immer mehr Seltsamkeiten ereignen sich in Ragles Leben. Dinge, ja, ganze Gebäude verschwinden vor seinen Augen, geheimnisvolle Zettel und Telefonnummern tauchen auf, Leute im Funk scheinen über ihn zu sprechen. Und er ist nicht der einzige. Auch Victor hat in letzter Zeit den Eindruck, dass mit seinem Leben irgendetwas nicht stimmt. Als Ragle kurzerhand beschließt, den Dingen auf den Grund zu gehen, eskaliert die Situation…

Fabelhaftes:

  • Natürlich Dicks Ideenreichtum und die Fähigkeit, Hinweise zu streuen, die sich nach und nach zu einem schlüssigen Bild zusammenfügen: Das, was hinter Ragles Existenz steht, wird schrittweise deutlicher und die Auflösung der Rätsel gegen Ende der Geschichte macht ein Konstrukt sichtbar, das nochmal eine gutes Stück komplexer ist als jenes aus dem Film „Die Truman Show“.
  • Die Charakterzeichnung: Auch Nebencharaktere werden nicht vernachlässigt und man kann sich ein gutes Bild von ihnen machen. Es gibt hier kein schwarz und weiß, niemand kann alle Sympathien für sich einheimsen.
  • Die Atmosphäre: Dick schafft es wunderbar, ganz allmählich eine fast schon gruselig anmutende Atmosphäre in die schöne Idylle eindringen zu lassen. Der Hauptprotagonist hat zunächst nur das Gefühl, dass ihn der Stress um den Wettbewerb allmählich überfordert. Dann befürchtet er, den Verstand zu verlieren und paranoid zu werden. Sein Unbehagen und das Wechselbad der Gefühle übertragen sich unmittelbar auf den Leser.

Weniger fabelhaftes:

Gegen Ende hätte sich Dick vielleicht ruhig noch etwas mehr Zeit für die Auflösung lassen können. Das wirkte stellenweise etwas gehetzt und einen Tacken zu glatt.

Summa summarum:

Wer es ein bisschen mysteriös und verworren mag, sperrige Charaktere nicht scheut und ein Faible für die Realität, die hinter den Dingen liegt, pflegt, der ist hier goldrichtig. Für alle Fans von Filmen wie „Matrix“ oder „Truman Show“.

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Verlag: Heyne * Klappenbroschur * 2002 * 288 Seiten * 978-3-453-21730-0 (vergriffen!)

Wien, die Nationalbibliothek und ein kleiner Koalabär

Seit einigen Tagen bin ich heil zurück aus Wien – auf dem Rückflug hat uns Sturmtief Niklas ordentlich durchgeschüttelt. Vollgestopft mit jeder Menge großartigen Eindrücken aus dieser schönen und irgendwie majestätischen Stadt wollte ich euch mein persönliches Highlight nicht vorenthalten: Den Prunksaal der österreichischen Nationalbibliothek.

Unter Kaiser Karl VI. wurde der Prunksaal zwischen 1723 und 1726 in seiner ganzen barocken Pracht errichtet. Der Saal hat eine Länge von 77,7 m, misst 14,2 m in der Breite und ist stattliche 19,6 m hoch. In den Bücherschränken aus Nussholz finden rund 200.000 Werke Platz, darunter alleine 15.000 aus dem Fundus des Prinzen Eugen von Savoyen.

Am liebsten würde ich sie alle mitnehmen.

Am liebsten würde ich sie alle mitnehmen.

Einer von vier Prunkgloben Vincenzo Coronellis

Einer von vier Prunkgloben Vincenzo Coronellis

Optische Spielereien mit Hilfe von Spiegeln waren im Barock beliebt.

Optische Spielereien mit Hilfe von Spiegeln waren im Barock äußerst beliebt.

Als wir dort waren fand gerade eine Sonderausstellung statt: „Wien 1365. Eine Universität entsteht“ (noch bis 3. Mai). Die Sammlung umfasst unter anderem mehrere prächtige, von Buchmalern illustrierte Schätze aus dem Mittelalter bis hin zur Renaissance. Immerhin durfte ohne Blitz fotografiert werden, und da der Saal durch Fenster und Lichtquellen gut ausgeleuchtet war, sind die Fotos viel besser geworden als erwartet.

So eine schöne Bibliothek sieht man wirklich selten und die Fotos können nur eine Ahnung davon vermitteln, wie  imposant und beeindruckend das Ensemble nicht nur auf Bücherfreunde wirkt. Der Name macht dem Gebäude definitiv alle Ehre.

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Leider haben wir die Eröffnung des neuen Literaturmuseums der Nationalbibliothek verpasst. Ab 18. April soll man hier „die ganze Vielfalt und Vielstimmigkeit der österreichischen Literatur von der Aufklärung bis in die unmittelbare Gegenwart“ bewundern können. Mehr Infos findet ihr unter dem folgenden Link: http://www.onb.ac.at/services/veranstaltungen_detail.php?id=838

Aber Wien haben wir auch hoffentlich nicht zum letzten Mal besucht. 🙂

Ach ja: Im wunderschön gestalteten Tiergarten auf dem Gelände von Schloss Schönbrunn ist uns übrigens dieser schläfrige Zeitgenosse hier über den Weg gelaufen.

Da ich wegen urheberrechtlicher Überlegungen schon länger auf der Suche nach einem Ersatz für meinen Bewertungscoon bin, findet ihr ab sofort unter jeder Rezension den gemütlichen Koala. Süß ist er ja, da fällt der Abschied vom Waschbären nicht allzu schwer…